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Die letzte Hilfe am Ende des Lebens

Aktualisiert: 5. Sept.

BRECHEN - Im Kurs der "Hospizhilfe Goldener Grund" steht der Tod im Mittelpunkt


Teilnehmerinnen im Letzte-Hilfe-Kurs der "Hospizhilfe Goldener Grund". FOTOS: ANDREAS E. MÜLLER

Der Tod ist Teil des Lebens. Dieser Satz spielt im Letzte-Hilfe-Kurs der "Hospizhilfe Goldener Grund" eine zentrale Rolle. Acht Frauen und zwei Männer haben an diesem Seminar, das an einem Abend vier Module umfasst (Sterben ist ein Teil des Lebens, Vorsorgen und Entscheiden, Leiden lindern und Abschied nehmen), in der Emstalhalle in Oberbrechen teilgenommen. Moderiert wurde der Abend von Ricarda Brück, hauptamtliche Koordinatorin des Vereins, und Peter Stückler. "Ich bin zum Thema Sterbebegleitung durch die Frage gekommen: "Was tun, wenn die Eltern Hilfe brauchen?", sagte er. Viele Menschen hätten keine Angst vor dem Tod, aber Angst in der Begleitung eines Sterbenden etwas falsch zu machen.


Stückler machte deutlich, dass die Menschen heute immer älter würden. Frauen erreichten heute ein Durchschnittslebensalter von 88 Jahren, Männer von 84. Noch vor etwa 100 Jahren seien die Menschen durchschnittlich etwa 40 Jahre alt geworden. Aktuell könne man davon ausgehen, dass in Deutschland etwa eine Million Menschen pro Jahr sterben. 70 Prozent von ihnen wünschten sich, zu Hause zu sterben, tatsächlich seien das aber nur etwa 25 Prozent. "Sterben wird immer mehr verlagert", sagte er. "Mit diesem Seminar möchten wir euch ein Köfferchen für die letzte Reise vermitteln und mitgeben", sagte Ricarda Brück.


Den Tod der Großmutter miterlebt

In einer Vorstellungsrunde berichteten die Teilnehmer über ihre Motivation, am Kurs teilzunehmen. Eine Frau hatte den Tod ihrer Großmutter miterlebt. In ihrem engsten Familienkreis seien einige ältere Menschen, ihre Mutter sei dement. "Es graut mir vor der Situation, wenn sie einmal im Sterben liegt", sagte sie. Die Mutter einer anderen Teilnehmerin war an Krebs gestorben. "Sie hat sehr gelitten", berichtete sie. "Ich möchte mehr Zugang zum Thema bekommen". Sie frage sich auch, ob sie selbst einmal zu Hause sterben wolle. Eine Frau hat ihre Mutter bis zum Schluss begleitet. Ihr Mann sei vor drei Jahren in ihren Armen und denen ihrer Tochter für immer eingeschlafen. Auch die Tochter nimmt am Kurs teil. Die Intensiv-Krankenschwester weiß von den Problemen auf Palliativstationen und kritisiert, dass Patientenbestimmungen nicht immer im Sinn der Sterbenden eingehalten und umgesetzt würden. Der Vater einer Teilnehmerin ist in einem Hospiz gestorben. Sie frage sich, wie sie es ihrer Mutter erleichtern könne, über den Tod zu sprechen. Ob alles richtig war in der letzten Lebensphase seines Vaters, der vor drei Jahren an Krebs gestorben war, fragt sich ein Teilnehmer.


Die Frage, ob man als Begleiter eines Sterbenden alles richtig gemacht habe, kristallisiert zu einem Knackpunkt heraus. Dazu sagt Ricarda Brück: "Was sich im Herzen gut anfühlt, kann nicht grundverkehrt sein." Es wurde sehr deutlich, dass Sterben ein Teil des Lebens ist, dass es darum geht, Leiden zu lindern und Abschied von einem lieben Menschen zu nehmen. Betont wurde auch die Wichtigkeit, für den Tod Vorsorge zu treffen und rechtzeitig Entscheidungen zu fällen. Dazu gehören auch Vorsorgevollmacht und Patientenverfügung. Die greift im Fall, dass man selbst seinen Willen nicht mehr äußern kann. Auch solle man überlegen, welche Lebensqualität man am Ende haben möchte, was einem am Lebensende wichtig ist. Bevollmächtigte sollten Durchsetzungsvermögen haben, zur Not auch mal "auf den Tisch hauen" können. Daher sei die Überlegung wichtig, wer Entscheidungen für einen treffen soll. Auch könne man sich beizeiten die Frage stellen, was nach dem Tod von einem der Nachwelt erhalten bleiben soll. Der Sterbevorgang sei dabei oft für einen Sterbenden weniger belastend als für Außenstehende. Helfen könne man einem Sterbenden oft mit Kleinigkeiten, etwa die Hand halten, sanfte Berührungen, gemeinsam singen oder beten. "Rituale sind für das Abschiednehmen wichtig", betonte Stückler. Sterbende würden meist nicht mehr essen und trinken wollen. Hier könne man mit einem Wattestäbchen oder einem Waschlappen die Lippen und den Mundraum befeuchten. Das dürfe durchaus auch ein alkoholisches Lieblingsgetränk sein. Nach dem Tod sollten sich die Zurückgebliebenen die Zeit zur Trauer nehmen, die sie brauchen. "Trauer ist so individuell wie ein Fingerabdruck", sage Brück. Für die Bestattung gelte "Mut zur individuellen Gestaltung". Was mochte der Verstorbene? Welches Lied? Welche Farbe?


Das sagten Teilnehmer:

■ "Ihr habt ein Tabu-Thema interessant vermittelt."

■ "Sterben ist ein Teil des Lebens und sollte nicht versteckt werden."

■ "Wichtig ist, dass die Menschlichkeit berücksichtigt wird."

■ "Ich habe Sicherheit gewonnen im Umgang mit Angst, klarer zu reden und den Tod zu thematisieren."

■ "Ich werde mit meinem Vater über die Vorsorgevollmacht und Patientenverfügung sprechen."

■ "Ich habe Sicherheit gewonnen im Umgang mit "Unsicherheit."

■ "Interessant, wie viele unterschiedliche Bücher es zum Thema gibt."

■ "Schön, dass es den Verein gibt."

■ "Viele Informationen, die aber erst noch verarbeitet werden müssen."

■ "Ein gelungener Abend, sehr informativ, viel Input."


Die Hospizhilfe finanziert sich über Mitgliedsbeiträge, Spenden und Fördergelder. Den Betroffenen entstehen keine Kosten. Die Hospizhilfe rechnet mit den Krankenkassen ab. Ein besonderes Angebot sind die "Letzte Hilfe Kurse". An einem Tag wird in vier Modulen zu je 45 Minuten "ein Koffer voller Tipps für das Ende des Lebens" gepackt. Die nächsten Termine für "Letzte-Hilfe-Kurse": 7. September, voraussichtlich 17 bis 21 Uhr, online; 6. Oktober und 16. November 2022, nähere Infos werden jeweils noch bekannt gegeben. Wer mehr erfahren möchte: Ricarda Brück ist von montags bis freitags in der Zeit von 9 bis 12 Uhr, dienstags und donnerstags auch von 14 bis 16 Uhr unter (0 64 34) 9 07 51 67, mobil 0 15 11/7 61 41 95 oder per E-Mail an koordination@hospizhilfe-goldener-grund.de erreichbar.

andreas e. müller


Qualifizierung zur Begleitung

Auch in diesem Jahr bietet die Hospizhilfe Goldener Grund wieder einen Kurs zur Hospizbegleiterin oder zum Hospizbegleiter an. Der Kurs beginnt am Freitag, 24. September, und dauert bis März 2023. An acht Wochenenden jeweils freitags von 17 bis 21 Uhr und samstags von 9.30 bis 17 Uhr werden die Inhalte der hospizlichen Arbeit vermittelt. Die ersten vier Wochenenden dienen als Basis. Nach diesem Grundkurs folgt ein Praktikum. Die übrigen vier Wochenenden sind ein Aufbaukurs. Die Teilnahme am Grund- und Aufbaukurs kosten jeweils 100 Euro für Vereinsmitglieder und 150 Euro für Nicht-Mitglieder. Der Betrag wird Vereinsmitgliedern mit der Verpflichtung, für den Verein tätig zu werden, zurückerstattet. Mehr Informationen gibt es auf der Homepage der Hospizhilfe https://www.hospizhilfe-goldener-grund.de sowie bei Ricarda Brück, der Koordinatorin des Vereins, unter (0 64 34) 9 07 51 67.

Es gibt dazu einen Informationsabend am Dienstag, 6. September, um 19 Uhr im Büro der Hospizhilfe, Bahnhofstraße 21, in Bad Camberg teilzunehmen.